Jesus wirkte unter Fischern und Handwerkern in Galiläa. Er hat zu ihnen in einer Weise vom Reich Gottes gesprochen, die sie verstehen konnten. In seinen Gleichnissen und Bildern hat er die aktuelle Lebenswelt seiner Zuhörer aufgenommen. Seine Handlungen, seine Zuwendung, seine Zeichen und Wunder haben die Realität des Reiches Gottes beispielhaft erfahrbar werden lassen. Die Zeitgenossen waren erstaunt von seiner Vollmacht. Nach seiner Kreuzigung und Auferstehung haben die Jünger, erfüllt vom Heiligen Geist, das Evangelium so verkündigt, dass jeder es in seiner Sprache verstehen konnte (Apg. 2,4). Paulus schreibt davon, den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche zu werden, um die Botschaft Gottes verständlich und glaubwürdig ausrichten zu können (1 Kor 9,20). 

Für die Kirche folgt daraus, dass die Kommunikation des Evangeliums immer die Situation der Adressaten in den Blick nehmen muss. Veränderte Zeiten, andere Lebensumstände erfordern jeweils daran angepasste Formen der Verkündigung. So ist die Weitergabe des Evangeliums seit Anbeginn der Kirche eine ständige Transfer- und Übersetzungsleistung. Dabei folgt die Form dem Inhalt. Die äußere Gestalt der Kirche und ihre Strukturen sind stets darauf zu überprüfen, wie sie diesem Ziel, der Weitergabe des Evangeliums, am besten dienen können. 

Dem Vorbild von Jesus folgend haben auch die Apostel die Lebenssituation der Menschen ganzheitlich in den Blick genommen. Sie haben heilend die Hände aufgelegt, sie haben konkrete Not gelindert und Hilfe für Benachteiligte organisiert (Apg. 6). Das bestimmt auch heute den Auftrag der Kirche. Zur Glaubwürdigkeit in der Verkündigung des Evangeliums gehört es daher ebenso, gesellschaftliche Veränderungen daraufhin zu betrachten, wie sie Menschen in ihrer Mitwirkung an der Gesellschaft unterstützen oder behindern, welche Veränderungen in Machtstrukturen damit verbunden sind, wo Gewinner und Verlierer der Entwicklungen entstehen, die auf Hilfe angewiesen sind, und wie diese Strukturen möglicherweise auch durch gesellschaftliches Engagement beeinflusst werden können.

Der digitale Wandel bringt nicht nur eine neue Technologie. Er führt zu tiefgreifenden Veränderungen in sehr vielen Lebensbereichen. Aufgabe der Theologie ist es, die christliche Botschaft immer wieder neu für die gegenwärtige Zeit und ihre Situation zu artikulieren. Deswegen muss sie die Entwicklungen der Zeit aufmerksam beobachten und ihre Auswirkungen analysieren. Nur dann kann sie sachgerecht bestimmen, wie das Evangelium in der heutigen Gesellschaft angemessen zur Sprache gebracht und gelebt werden muss.

Die folgenden Ausführungen wollen einige dieser Veränderungen und deren Bedeutung für Theologie und Kirche beispielhaft und schlaglichtartig skizzieren.

Grundsätzlich gilt, dass die meisten technischen Entwicklungen (wie überhaupt sehr vieles in der Welt) ambivalent sind. Sie haben Vorteile und bieten Chancen, denen auf der anderen Seite auch Nachteile und Gefahren gegenüber stehen. Eine sorgfältige Beurteilung wird den Blick auf beide Seiten richten müssen und erst dann eine Abwägung vornehmen können. Für eine theologische Beurteilung stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die Entwicklung auf das Gottesverhältnis und den gelebten Glauben der betroffenen Menschen haben kann. Weil das Glaubensleben auch den Gemeinschaftsaspekt einschließt, geraten auch Organisation und Struktur der Kirche in den Blick. Für eine ethische Beurteilung ist unter anderem wichtig, inwieweit die Entwicklung die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen am gesellschaftlichen Fortschritt verbessert oder eher behindert. Eine theologische Ethik ist vom Grundsatz der Gottebenbildlichkeit des Menschen bestimmt. Daraus folgt eine Orientierung an der Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit als Leitbilder für die Beurteilung von wirtschaftlichem und politischem Handeln.

Die Aufgabe der Kirche wird traditionell in vier Grundvollzügen beschrieben. Darum soll danach gefragt und im Blick auf bestimmte Aspekte beispielhaft dargestellt werden, in welcher Weise die mit der Digitalisierung einhergehenden Umbrüche auch Einfluss auf die sachgerechte Ausübung dieser vier Grunddimensionen der Kirche haben: 

1) Gemeinschaft (Koinonia): Wie können die gemeinschaftsstiftenden Funktionen digitaler Hilfsmittel für den kirchlichen Bereich genutzt werden? Wo führt Digitalisierung dazu, dass Menschen isoliert und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden? Wo ermöglicht Digitalisierung neue Formen der Teilhabe und Partizipation z.B. auch für Menschen, die bisher nicht Bestandteil der kirchlichen Gemeinschaft waren? Wo konstituieren sich im digitalen Raum neue Formen von Gemeinschaft, inwieweit konstituieren diese Kirche und in welchem Verhältnis stehen sie zur Parochie?

2) Zeugnis (Martyria): An welchen Stellen kann die Kirche digitale Instrumente besser gebrauchen, um mit ihrer Verkündigung des Evangeliums die Menschen in ihren alltäglichen Lebensvollzügen zu erreichen? Wo kann Kirche Christinnen und Christen, die bereits in digitalen Bereichen Zeugnis ihres Glaubens ablegen, unterstützen? Welche Änderungen sind im digitalen Raum zu berücksichtigen, der stark von Interaktion geprägt wird?

3) Gottesdienst (Leiturgia): Wie können digitale Entwicklungen die Feier des Gottesdienstes und das gemeinsame und individuelle Gebet unterstützen? In welchem Verhältnis stehen gottesdienstliche Elemente und Handlungen in digital konstituierten Gemeinschaften zu klassischen Gottesdienstformen? Wie können digitale Entwicklungen die Gottesdienstvorbereitungen und -durchführung unterstützen?

4) Dienst am Menschen (Diakonia): Wo erfordern die Entwicklungen in digitalen Bereichen eine Stellungnahme der Kirche im Sinne des Anwaltes derjenigen, die durch die Veränderungen unter Druck geraten? Wo sind ethische Beurteilungen der Folgen technologischer Entwicklungen notwendig?

4 Kommentare

Carsten Hauptmann · 22. August 2019 um 9:32

zu Punkt 1) Koinonia: Über Whatsapp ergeben sich sehr gute Möglichkeiten mit den Mitwirkenden in der Gemeinde in Kontakt zu bleiben. Man bleibt unterschwellig über einen „dünnen Faden“ miteinander verbunden. Der Weg zum anderen – sei es eine wichtige Information, ein Segensgruß oder ein witziges Foto – ist kürzer als noch zu der Zeit, in der man sich einmal wöchentlich (oder seltener) im Gottesdienst oder in der Chorprobe sah. Mitunter öffnen sich mir Chormitglieder mit Sprachnachrichten, die sich zu seelsorgerlichen Gesprächen entwickeln und an die man anknüpfen kann, wenn man sich wieder sieht von Angesicht zu Angesicht.
Die „Marke“ Kirche steht für Mittelpunkt Mensch. Wir leben eine Schriftreligion. Sprache steht im Zentrum. Gute Worte. Heilende Worte. Warum sollte da nicht jeder Kanal genutzt werden?

Carsten Hauptmann · 22. August 2019 um 9:26

Im Zusammenhang mit Punkt 2) Zeugnis (Martyria) will ich die Aktion #wortezurwahl der EVLKS loben. Klasse Idee mit dem Selfie-Generator! Michael Kretschmer hat ja mit seiner persönlichen Videobotschaft, die man erstellen kann, noch einen drauf gelegt. Alles durch digitale Technik möglich. Mehr von diesen Ideen! Vor allem in der EVLKS!

Claudia · 9. April 2019 um 15:55

Der diakonische Aspekt (Einleitung und dann Kapitel 2.4) ist meines Erachtens in dem Papier etwas zu kurz gegriffen. Das Papier versteht die diakonische Herausforderung des digitalen Wandels vor allem im Einstehen für Menschen, die an Digitalisierungsprozessen nicht bzw. nicht ausreichend partizipieren können bzw. die durch diese Prozesse unter Druck geraten. Diakonische Arbeit kann aber auch digital unterstützt werden, als praktische Online-Lebenshilfe, nächtliche Chatangebote zum Beispiel (Pendant zur Telefonseelsorge). Bitte daher den diakonischen Aspekt nicht auf Technikkritik engführen, sondern auch die Chancen der Digitalisierung für den Dienst am Menschen sehen.

    Carsten Hauptmann · 22. August 2019 um 9:23

    D’accord. Dienste wie 1000plus, die ungewollt Schwangeren (sehr jungen) Müttern auffangen und eine Perspektive geben, würden ohne digitale Medien nicht existieren.

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