Digitalisierung ist kein neuer Begriff. Das Phänomen der schrittweisen Durchdringung immer weiterer Lebensbereiche mit Elementen digitaler Technik begleitet uns bereits seit Jahrzehnten. Aber es ist weitaus mehr als ein simpler Trend. Es handelt sich um einen tiefgreifenden Veränderungsprozess, der das Leben von Menschen an verschiedenen Stellen direkt berührt. Insofern ist es angemessen, von einem „digitalen Wandel“ zu sprechen.

Veränderungsprozesse hat es in der Menschheitsgeschichte immer gegeben. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert hatte ähnlich starke Auswirkungen auf die Arbeits- und Lebenswelt der Menschen. Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Veränderungsprozessen ist aber die immer höhere Geschwindigkeit, mit der dieser digitale Wandel stattfindet. Er betrifft viele Aspekte und Felder, die zumindest teilweise revolutioniert werden und er ist gekennzeichnet von großer Komplexität. Das sogenannte Moor’sche Gesetz besagt, dass die Komplexität digitaler Schaltkreise sich aller zwei Jahre verdoppelt, wobei die Herstellungskosten sinken statt steigen. Obwohl diese Prognose vor fast 50 Jahren abgegeben wurde, beschreibt sie nach wie vor die technische Entwicklung im wesentlichen zutreffend.

Die Kombination dieser drei Faktoren, nämlich Geschwindigkeit, Umfang und Komplexität der Veränderungen führt einerseits dazu, dass der Prozess der Digitalisierung so tiefgreifend ist, dass er nicht nur Technologie und Wirtschaft, sondern auch Zusammenarbeiten und Zusammenleben der Menschen grundlegend verändert. Andererseits sind diese Faktoren auch Auslöser verschiedener Ängste: Angst vor einer sich zu schnell verändernden Welt, Angst vor Anschlussverlust, Angst vor mangelnder Kontrolle, Angst vor einer ausschließlich digitalen Welt, um nur einige zu nennen.

Es ist nicht die Frage, ob wir die Digitalisierung wollen oder nicht. Sie findet statt und wird weiter voranschreiten, egal, ob die Kirche und ihre Leitungsgremien sich an den Veränderungsprozessen beteiligen (wollen) oder nicht. Es ist allerdings die Frage, welche Rolle die Kirche in einer solcherart veränderten Gesellschaft dann spielen wird und ob wie sie dort ihren Auftrag erfüllen kann. Eine Verweigerung der Auseinandersetzung mit der Digitalisierung ist möglich, aber vor diesem Hintergrund nicht zielführend.

„Zukunft ist keine Prognose, sondern eine Aufgabe.“

Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer: Die digitale Revolution gestalten, https://www.aeu-online.de/fileadmin/user_upload/ddrg/AEU_die-digitale-revolution-gestalten_2018I19.pdf

Ebenso ist zu beachten, dass der digitale Wandel wie jeder außerordentliche Veränderungsprozess große Chancen und gleichzeitig auch deutliche Risiken mit sich bringt. Es gilt, diese Veränderungsprozesse zunächst angstfrei zu reflektieren, damit verbundene Risiken wahrzunehmen, zu kommunizieren und diese zu minimieren, sowie Chancen zu ergreifen. Der Grundsatz vom „Gestalten und Bewahren“ kann dabei hilfreich sein. 

Um den Begriff der Digitalisierung greifbar zu machen, wird ein Beispiel für einen klassischen Prozess im Rahmen der Digitalisierung gegeben: das Sparbuch. Während vor 50 Jahren Sparbücher ausschließlich analog in Form eines Hefts und dann für eine gewisse Zeit mit einem digitalen „Zwilling“ geführt wurden, findet heutzutage das Führen und Verwalten eines Sparbuchs in fast allen Fällen ausschließlich digital statt. Für Kundinnen und Kunden erweist sich ebenso wie für Banken die digitale Version als sehr praktikabel, da die Verfügbarkeit der Daten nicht mehr an ein beschädigbares und verlierbares Büchlein gebunden ist und die Aktualisierung nicht mehr von einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin vorgenommen werden muss.

Exemplarisch sollen mit Hilfe des Beispiels Sparbuch fünf Veränderungsbereiche beleuchtet werden, in denen die Digitalisierung Auswirkungen hat.

1. Produkte

Im Zeitalter der Digitalisierung sind eine Reihe von Produkten zunehmend davon betroffen, einen digitalen Zwilling zu bekommen oder gar durch diesen ersetzt zu werden. Damit vollzieht sich eine Entdinglichung und Konzentration auf die digitalen Endgeräte, die als Schnittstellen zwischen Mensch und der digitalen Welt unersetzbare Bedeutung gewinnen. So wie das Sparbuch allmählich entmaterialisiert wurde, betrifft das auch die Bahnfahrkarte, das Flugticket oder die Kinokarte, die durch einen digitalen QR-Code ersetzt werden. Anstelle von Fotoapparat, Notizbuch, Fahrplan, Kalender, Walkman, Wörterbuch, Reiseunterlagen, Landkarte und Lektüre kommt nur noch das Smartphone ins Reisegepäck, das all diese früheren Produkte ersetzt und mit weniger Gewicht und Platz mehr Komfort bietet.

In der Herstellung von Autos, können mehr und mehr Schritte automatisiert ausgeführt werden. Ferner sind Autos heutzutage so ausgestattet, dass sie untereinander via Bluetooth oder Internet kommunizieren können, dass sie elektronisch dem Fahrer oder der Fahrerin Probleme direkt per Bordcomputer ausgeben, und sind weiterhin potentiell bereits in der Lage, autonom zu fahren. Auch andere Geräte, wie Kühlschränke, Heizungen, etc., werden vermehrt mit Netzwerkmodulen ausgestattet und können so untereinander und mit der Nutzerin kommunizieren und im Sinne eines Smart Home genutzt werden. Man spricht auch vom Internet der Dinge (Internet of Things). Produkte wurden und werden also intelligenter, was durch die Implementierung von künstlichen Intelligenzen (KI) in Zukunft möglicherweise noch verstärkt wird. 

2. Dienstleistungen

Auch Dienstleistungen sind von Automatisierung  betroffen: Das Aktualisieren des Sparbuches beispielsweise kann heutzutage online vom Kunden vorgenommen werden, sodass von Seiten der Bank zunächst kein/e Mitarbeiter/in nötig ist. Die Verfügbarkeit mancher Dienstleistungen kann durch digitale Mittel deutlich erhöht werden. Dazu gehören z.B. Callcenter auf anderen Kontinenten. Ähnliche Effekte können zunehmend Chatbots erreichen. Dabei handelt es sich um ein elektronisches Dialogsystem, mit dem per Texteingabe kommuniziert werden kann. Chatbots können heutzutage selbstständig einige Arten von Kundenanfragen bearbeiten, ohne dass menschliche Eingriffe nötig sind.

In diesem Bereich spielt auch die Geschwindigkeit eine zunehmende Rolle. Deutlich wird dies bei den Medien: eine Nachrichten-Webseite ist über 24 Stunden aktuell zu halten, während eine Tageszeitung nur einmal in 24 Stunden aktuell sein muss. 

Durch die Verarbeitung von vorhandenen (Kunden)Daten können Dienstleistungen zunehmend und bereits im Vorhinein personalisiert angeboten werden. 

3. Prozesse

Prozesse, wie sie sich beispielsweise in der Verwaltung finden, können, ähnlich wie Dienstleistungen, mit Hilfe von digitalen Instrumenten vereinfacht und teilweise automatisiert werden: Die Dokumentation der Wertstellung eines Sparbuches war in Papierform sowohl für die Bank als auch für den Kunden anzufertigen und abzugleichen, für die digitale Variante entfällt hier die Dopplung. 

Prozesse können dadurch nicht nur effizienter gemacht werden, sondern an vielen Stellen auch transparenter durch die Allgemein-Verfügbarkeit einer möglichen Dokumentation. Ob das ersehnte Paket sich bereits im Postauto befindet, lässt sich z.B. der inzwischen zum Standard gewordenen digitalen Sendungsverfolgung entnehmen.

4. Organisationen

Organisationen wie Unternehmen, Vereine, Interessensgruppen sind ebenso umfassend von den Veränderungen durch die Digitalisierung betroffen. Sie betreffen die Märkte, die Konkurrenz, den gesellschaftlichen Status und die Hierarchien von Organisationen.

Die Bank, die das Sparbuch nun nicht mehr analog anbietet, sondern digital, steht unweigerlich in Konkurrenz mit anderen Banken, da die Kundinnen und Kunden nicht mehr ortsgebunden sind. In anderen Wirtschaftszweigen ist die Konkurrenz international. 

Organisationen müssen zudem in der Lage sein, auf Veränderungen angemessen und schnell reagieren zu können, das verlangt Agilität und kürzere Dienstwege. 

Auch Hierarchien sind vom digitalen Wandel betroffen. Netzwerkartige Organisationsstrukturen können offenbar deutlich leichter und schneller von den Vorteilen digital vernetzter Arbeitsweisen profitieren als starre hierarchische Systeme.

Weiterhin ist es für Organisationen zentral, ihre Mitglieder bzw. Kunden bzw. Interessenten zu erreichen und mit diesen in Kontakt zu bleiben. Kommunikationswege und -strategien müssen auch neue Medien(formen) umfassen. Im Unternehmenskontext wird oft von einer Customer Journey gesprochen, d.h. einer „Reise“, die der Kunde oder die Kundin mit der Firma bzw. ihren Produkten zurücklegen soll, um dann eine für die Firma positive Kaufentscheidung zu treffen.

5. Menschen

Kundinnen und Kunden profitieren direkt von einem Online-Sparbuch: Der Weg zur Bank entfällt und die stets aktuelle Wertstellung ist jederzeit einsehbar – z.B. auch vom Smartphone aus. Für den Bankmitarbeiter oder die Bankmitarbeiterin bedeutet dies jedoch eine Umstellung bzw. Veränderung der täglichen Arbeit. Generell verändert sich die Arbeitswelt durch die Digitalisierung und wird sich weiterhin verändern.

Das tägliche Leben von Menschen ist auch in anderen Bereichen direkt von Veränderungen betroffen, die mit der Digitalisierung einhergehen: es ist üblich, ein Smartphone zu besitzen und zu nutzen. Zwischenmenschliche Kommunikation findet auch und teilweise fast ausschließlich über das Internet statt, bspw. über E-Mail oder über Messenger wie Whatsapp oder soziale Netzwerke wie Facebook. Organisationen gehen aktiv auf Menschen zu und etablieren „Geh-Strukturen“. 

Privatsphäre zu definieren ist schwierig geworden und diese zu erhalten eine Herausforderung, da digitale persönliche Daten eine Handelsware geworden sind. Die Verlockung eines größeren Komforts wird erkauft durch Preisgabe privater Informationen.

Auch gesamtgesellschaftlich betrachtet ergeben sich Veränderungen und Herausforderungen: den Potentialen für mehr Teilhabe, gerechten Zugang zum Internet und erhöhter Transparenz sowie der verbesserten Verfügbarkeit von bspw. Dienstleistungen stehen auch Risiken gegenüber. 

Ferner ist Bildung in einer zunehmend digitalisierten Welt immens wichtig. 

Diese Ausführungen möchten lediglich einige Wirkungsbereiche der Digitalisierung beleuchten und erheben dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit.  Deutlich wird, wie vielfältig die Veränderungen sind, die mit der Digitalisierung einhergehen und wie multi-dimensional ebenfalls ihre Auswirkungen sind und sein werden. Es ist nicht nur eine Technologie oder ein Wirtschaftszweig betroffen, sondern es finden gesamtgesellschaftliche Veränderungsprozesse mit zahlreichen Wechselwirkungen auch in die „analoge Welt“ hinein statt.

Diese Veränderungsbereiche berühren das kirchliche Leben und Handeln in verschiedener Weise – auch das der sächsischen Landeskirche .

Folgen für kirchliches Handeln, die sich aus der Digitalisierung ergeben, werden im nächsten Kapitel erläutert.

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